Mittwoch, 29. Oktober 2014

Die Angst vor den unbewussten Dämonen

Ich teile mit Stephen King ein unheimliches Schicksal. Am 19. Juni 1999 wurde King an der Route 5 in Maine durch den Fahrer eines Kleinbusses, der durch seinen Hund abgelenkt wurde, von hinten angefahren. King wurde mehrere Meter weit geschleudert und landete im Straßengraben. Die Verletzungen waren so schwer, dass King mit einem Hubschrauber ins Central Maine Medical Center in Lewiston geflogen werden musste. Seine rechte Lunge kollabierte, eine Hüfte und das rechte Bein wiesen mehrfache, komplizierte Brüche auf und die Kopfhaut war von Platzwunden übersät. King wäre fast gestorben. Er musste innerhalb von zehn Tagen fünf Operationen über sich ergehen lassen. Der ursprüngliche Plan der Chirurgen, Kings rechtes Bein aufgrund der schweren Brüche zu amputieren, wurde jedoch durch die Anwendung eines äußeren Haltesystems verworfen. Die Physiotherapie dauerte mehrere Monate. Die Schmerzen waren so unerträglich, dass King viele Monate nicht schreiben konnte. Der Fahrer, Bryan Smith, starb am 21. September 2000, Stephen Kings Geburtstag.

Die Landung der Alliierten am Omaha Beach
in der Normandie am 6. Juni 1944
© Robert F. Sargent
Auch meine Schmerzen waren unerträglich, als ich am Morgen des 6.6. 2006 – dem 62. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie – aus der Narkose aufwachte. Einen Tag vor der Operation hatte der Chefarzt der Chirurgie bei mir zwei Leistenbrüche sowohl auf der linken wie auf der rechten Seite diagnostiziert. Aber er hatte mir auch versichert: „Vor der Eröffnung der Fußball-WM sind Sie wieder aus dem Krankenhaus.”
Der Eingriff sollte minimalinvasiv mittels einer sogenannten Laparoskopie – also Bauchspiegelung – stattfinden. Dabei wird der Bauch mit Helium aufgepumpt, um einen Hohlraum zu schaffen. Der Chirurg nimmt dann außen kleine Schnitte vor, führt das schlauchartige Laparoskop am unteren Bauch ein und operiert mittels kleiner Zangenenden, die er von außen mit pistolenartigen Griffen kontrollieren kann. Bei dem Vorgang sollten die Bruchpforten der Leisten mit Kunststoffnetzen stabilisiert und diese mit Titanclips am Gewebe befestigt werden. Soweit die Theorie.

Die Praxis sah jedoch anders aus. Die Schwester im Aufwachraum erzählte mir, dass ich während der Operation unter der Vollnarkose gesprochen hätte. Auf meine schlaftrunkene Frage, was ich gesagt hätte, erklärte sie: „Sie sprachen von einem Strand. Von Omaha Beach”. Zufälligerweise war ich zwei Monate vor der Operation in die Normandie gereist und hatte mir Omaha Beach angesehen, jenen Strand, an dem tausende alliierte Soldaten durch das gnadenlose Maschinengewehrfeuer der Deutschen starben. Normalerweise erinnern sich Menschen an nichts, wenn sie unter Vollnarkose operiert werden. Sie empfinden eine Bewusstlosigkeit, die einer todesähnlichen Schwärze gleicht.
Doch ich erinnere mich an eine Art „Traum”. In diesem Traum stehe ich am
D-Day mit anderen amerikanischen Soldaten in einem Landungsboot. Ich warte darauf, in das tödliche Gewehrfeuer der deutschen Wehrmacht am Omaha Beach zu stolpern. Das Tor des Landungsbootes öffnet sich. Hunderte, tausende Schüsse peitschen auf uns ein. Schreie. Blut spritzt. Gehirnmasse landet auf meiner Uniform. Meine Kameraden um mich herum sterben. Ich wate durch das kalte Wasser. Ich halte zitternd das Gewehr über meinem Kopf. Dann werde auch ich von einer Kugel getroffen. Mein Bein! Der Schmerz raubt mir den Verstand. Ich knicke ein. Ich falle ins blutige Wasser. Und wache auf.

Mein erster Gedanke war: „Ich habe überlebt!”
Nachdem ich mich im Krankenzimmer nach zwei Stunden Erholungsschlaf wachblinzelte, forderte mich eine Schwester auf, aufzustehen und einige Schritte zu gehen. Also stand ich auf und versuchte zu gehen. Zu meiner Überraschung knickte ich ein. Ich landete unsanft auf dem Boden. Ich wollte mich wieder aufrichten. Doch ich knickte wieder ein. Jetzt erkannte ich zu meiner großen Beunruhigung, dass mein linkes Bein völlig kraftlos und taub war. Dennoch spürte ich peitschenhiebartige Schmerzen, so als ob jemand mit voller Wucht glühend heiße Metalldrähte immer wieder im Sekundentakt über mein Knie schlug. Eiligst herbeigerufene Experten diagnostizierten eine Beschädigung des Nervus Femoralis, jenes Nervs, der die Impulse an die Muskeln des Beins weiterleitet und mit Kraft versorgt. Meine Befürchtung war, dass der Chirurg die Titanclips, die normalerweise die Kunststoffnetze um die Bruchpforte des Leistenbruchs befestigen, dort fixiert hatte, wo sich der Nervus Femoralis befindet. In anderen Worten, der Chirurg hatte durch seine Unfähigkeit den Nerv abgeklemmt. Die Folge: totale Lähmung des linken Beins. Ohne Krücken konnte ich nicht mehr gehen. Die Folge waren häufige Stürze und Verstauchungen.

Peng! Ich war getroffen worden. Es hatte mich erwischt. Der Schuss aus dem Paralleluniversum an Omaha Beach traf mich anscheinend in der Wirklichkeit. Ich war unfreiwillig zum letzten Veteran des D-Day geworden. Als die Fußball-WM eröffnet wurde, sollte ich noch drei Wochen Krankenhausaufenthalt vor mir haben – und mehrere Monate Physiotherapie.

Ein herbeizitierter Neurologe stach spitze Nadeln in mein Bein, um zu testen, wo die Taubheit anfing und wo sie endete. Sie fing am unteren Bauch an und endete im kleinen Zeh. Man hätte das Bein absägen und amputieren können, ohne, dass ich es bemerkt hätte. Die Schmerzen im Knie wurden mit einem Epilepsie-Medikament behandelt, das mich durch Bewusstseinsausfälle beinahe ins Jenseits beförderte. Eine Odyssee durch diverse Praxen arroganter Ärzte trieb mich zur Verzweiflung. Schnell wurde mir klar, dass ich handeln musste. Ich musste Informationen sammeln, wer für diesen Kunstfehler verantwortlich war. Ich forderte den Operationsbericht an, aus dem jedoch – natürlich – keine Anomalie hervorging. Der Operationsvorgang war von dem Chirurgen angeblich fehlerfrei durchgeführt worden. „Eine schicksalhafte Begebenheit” hieß es. Und das, obwohl ich vorher noch wunderbar laufen konnte. Als mich die Schmerzen und die ausbleibende Verbesserung meines Gesundheitszustands an den Rand des Wahnsinns trieben, beschloss ich, einen Anwalt zu nehmen. Ich musste mich wehren.

Zwei Jahre später ging der Fall vor Gericht – auf dem Höhepunkt einer frustrierenden Schlammschlacht zwischen dem Krankenhaus, mir und meinem Anwalt. Vor Gericht erschien nicht der eigentliche Gutachter, sondern seine Stellvertreterin. Man teilte uns mit, dass der Gutachter, der selbst Chirurg war, während einer von ihm durchgeführten Operation plötzlich und unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben sei. Der tote Gutachter sei jedoch der Auffassung gewesen, dass in meinem Fall kein Kunstfehler vorliege. Warum denn der Chirurg, der mir dieses ganze Ungemach eingebrockt hatte, nicht vorgeladen und im Gerichtssaal anwesend sei, wollte ich wissen. Ich wollte dem Typen in die Augen sehen. Ich wollte ihm zeigen, was er angerichtet hatte. Dass er mir Schmerzen, die bis heute andauern und ein bis heute nur eingeschränkt funktionierendes Bein beschert hatte. Die Antwort war, dass der Chirurg sehr schnell durch eine besonders aggressive Form von Nierenkrebs dahingerafft worden sei. Beide Männer starben zeitversetzt um ein Jahr jeweils um dieselbe Zeit.

Peng! Peng!
Jetzt waren zwei Männer tödlich getroffen worden. Das Schicksal – oder was auch immer – hatte durchgeladen und zweimal auf diese beiden Burschen geschossen. Ich hingegen war „nur” schwer verwundet. Da erschien er wieder vor meinen geistigen Augen: der Strand, Omaha Beach, an jenem grausigen D-Day.

In diesem Moment durchfluteten mich Wut, Trauer – und blanke Angst. Weder dem Gutachter, der nicht zu meinen Gunsten urteilte, noch dem Chirurgen, der den fatalen Kunstfehler begangen hatte, wünschte ich den Tod. Ich war manchmal sehr wütend auf sie gewesen, vielleicht sogar gelegentlich hasserfüllt. Jeder Mensch, dem dieses Grauen wiederfährt, hätte ähnlich empfunden. Aber ich wünschte diesen Ärzten nicht den Tod. Genauso muss Stephen King empfunden haben, als er vom Tod des Unfallfahrers erfuhr. Die Frage, die mich – und Stephen King sicher auch – beschäftigt, ist, ob es Kräfte der menschlichen Psyche gibt, von denen wir nicht wissen, wie sie funktionieren und die sich irgendwie unbewusst entladen. Stephen King hat häufig darüber geschrieben in seinen Romanen Carrie, Shining, Feuerkind oder Dead Zone.

Meine Verzweiflung und die Verzweiflung Stephen Kings haben vielleicht Dinge in Gang gesetzt, die ich und King nicht unter Kontrolle hatten. Das deckt sich mit den Forschungsergebnissen der modernen Psychologie, die festgestellt hat, dass anomalistische Phänomene spontan und abseits der wissenschaftlichen Reproduzierbarkeit auftreten. Psychologen bezeichnen das als sogenannte „Externalisierung” von psychischem Stress.
Seit meinen Erlebnissen frage ich mich daher: Wer bin ich, der durch den Vorfall vom 6.6.2006 mit dem Tod von zwei Medizinern verbunden ist? Rächte sich mein Unterbewusstsein in Gestalt einer wilden Externalisierung meiner Verzweiflung an ihnen? Oder ist alles nur Zufall, so wie der Tod des Unfallfahrers an Stephen Kings Geburtstag vielleicht nur Zufall war?

Ich verlor den Prozess. Ich erhielt keinen Cent Schmerzensgeld. Monate später musste ich wegen eines erneuten Leistenbruchs operiert werden. Die Netze, die mir der verstorbene Chirurg implantiert hatte, waren gerissen. All der Ärger war umsonst gewesen. Die Operation wurde in einem anderen Krankenhaus erfolgreich durchgeführt. Dort stellte man fest, dass die Titanclips von dem verstorbenen Chirurgen unfachmännisch befestigt und der Nerv
dadurch abgeklemmt worden war. Meine Wut und die Schmerzen blieben jedoch.

Seit diesen Ereignissen habe ich gelegentlich Angst vor mir selbst – so wie auch Stephen King wahrscheinlich die Poltergeister in seinem Unterbewusstsein fürchtet, die er nicht kontrollieren kann. Über das Grauen zu schreiben ist jedoch für ihn – wie für mich – ein gewisser Trost. Es ist ein Kanal, um die Angst vor den unbewussten Dämonen in Schach zu halten. Die Frage ist, wann seine und meine Dämonen sich wieder externalisieren und ausbrechen.

© Daniel Gerritzen

Montag, 27. Oktober 2014

Gott als Konstrukt der Angst

1.

Jeder Mensch fragt sich, ob es einen Gott gibt, der die menschliche Geschichte lenkt. Ist alles nur Zufall? Oder von Gott vorherbestimmt?

In seiner brillianten Kurzgeschichte Ferner Donner beschreibt der amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury, wie der Teilnehmer einer Zeitreise-Safari in die Ära der Dinosaurier reist und aus Versehen einen Schmetterling tötet. Weil der Schmetterling in der Nahrungskette fehlt, setzt ein Effekt ein, der sich von der Urzeit bis heute schockwellenartig fortpflanzt. Die Folge: Die Gegenwart verändert sich. Anstelle eines Demokraten wird ein faschistoider Diktator ins Weiße Haus gewählt. Manche Diktatoren glauben heute noch an die göttliche Vorsehung. Sie sind davon überzeugt, von Gott auserwählt worden zu sein, um persönlich eine Aufgabe zum Wohl der Menschheit auszuführen – wenn nötig mit brutalsten Mitteln. Adolf Hitler ging so vor.

Die Frage, die sich für uns daher stellt, ist: War Hitler ein grausames Werkzeug Gottes, um die Geschichte „zugunsten” seines auserwählten Volkes Israels zu steuern? Wäre der Staat Israel niemals ohne den Holocaust entstanden? Ist also Gott, wenn er existiert, ein allmächtiger Herrscher über die Geschichte, wie es Islam, Christentum und Judentum zu glauben vorlegen? 

Die Geschichte der Menschheit von 1933 bis 1945 sagt uns, was Gott ist. Die Antwort ist nicht angenehm.

2.

Das wichtigste Ereignis der biblischen Überlieferung finden wir im 2. Buch Mose geschildert: dem Buch Exodus. Gott übergibt Mose nach der Befreiung des Volkes Israels aus der Knechtschaft des ägyptischen Pharaos auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, du sollst dir kein Gottesbild machen, du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, du sollst nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen ...
Doch Gott geht noch weiter. Gott schließt mit Mose einen Bund: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“ Gottes Worte sind Drohungen. Wer seinen Worten nicht Folge leistet, wird über viele Generationen hinweg von ihm bestraft. Sogar mit dem Tod.

Moses mit den Zehn Geboten
Gemälde von Rembrandt
© Public Domain
Von diesem Zeitpunkt an scheint das dramatische Schicksal des jüdischen Volkes besiegelt. Es ist ein auserwähltes Volk. Es sind beeindruckende Naturphänomene, in denen die Bibel Gottes Erscheinen vor seinem Volk darstellt, über siebzig an der Zahl. Das Metaphysische bricht mit aller Macht über den Nahen Osten herein. Nun drängt sich aber folgende Frage auf: Wenn Gott immer wieder dem Volk Israel erschien, warum erscheint er heute nicht mehr in brennenden Dornenbüschen, in Feuersäulen, begegnet in einem Meer, das sich allen Naturgesetzen spottend teilt, in Wunderheilungen eines Mannes, von dem es heißt, dass er über Wasser gehen und selbst Tote auferwecken kann? Wo begegnet das Übernatürlich-göttliche in der Welt der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit in einem Universum, das von Naturwissenschaftlern bis in die entferntesten Winkel erforscht und erklärt wird? Krasser formuliert: Wo war Gott, als in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern das Volk seines Bundes in den Gaskammern ermordet wurde? Warum blieb das göttliche Wunder aus?

3.
Albert Einstein glaubte an die Vorsehung. „An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs.”, schrieb Einstein in seinem Buch Mein Weltbild. Seinem Freund, dem Quantenphysiker Max Born, gestand er, dass er überzeugter Determinist sei. Der Wille des Menschen wäre nicht frei, sondern unterläge den göttlichen Gesetzen des Universums. Einstein hielt bis zu seinem Tod standhaft am Determinismus fest: „Alles ist vorherbestimmt. Anfang wie Ende, durch Kräfte, über die wir keine Gewalt haben. Es ist voherbestimmt für Insekt nicht anders wie für Stern. Die menschlichen Wesen, Pflanzen oder der Staub, wir alle tanzen nach einer geheimnisvollen Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in den Fernen des Weltalls anstimmt.”

Albert Einstein © Public Domain
Einsteins Auffassung konnten auch die bahnbrechenden Erkenntnisse u.a. der Physiker Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und Nils Bohr nicht ändern, die mit der Formulierung einer Theorie zur Mechanik der Quanten, also der kleinsten Teilchen des Universums, das Weltbild der Physik auf ähnlich dramatische Weise revolutionierten wie Einstein selbst mit seiner speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie. Die sogenannte Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass es für einen Beobachter unmöglich ist, gleichzeitig die exakte Position und den Impuls eines Teilchens zu messen. Heisenberg folgerte aus seinen Berechnungen, dass kein quantenphysikalischer Zustand im Universum vorhergesagt werden kann – daher wäre kein Ereignis in der Zukunft gewiss oder determiniert. Einstein wollte das nicht glauben. Ihm war immer eine besondere Religiösität zu eigen, die eine vorhersehende Kraft in sein physikalisches Weltbild mit einbezog. Er war so ernüchtert über die neuesten Erkenntnisse der Quantenmechanik, dass er Max Born 1926 in einem Brief mitteilte, er glaube nicht, dass „der Alte” würfele, auch wenn er nicht an einen persönlichen Gott glaubte.



Einstein muss folgende Tatsache geflissentlich übersehen haben: Wenn jedes Ereignis in dieser Geschichte des Universums vorherbestimmt und nicht zufällig ist, wäre der Wille des Menschen nicht frei, wie Einstein glaubte. Daher wäre die Geschichte des Universums seit ihren Anfängen vor 13,7 Milliarden Jahren bis zum heutigen Tag bis auf das kleinste Ereignis vorherbestimmt und festgelegt. Was wie ein zufälliges Ereignis erschiene, wäre Vorhersehung – unabhängig von seiner Grauenhaftigkeit. Zum „Zeitpunkt” des Urknalls müsste also etwas, nennen wir es „Gott”, bereits die Geburt eines gewissen Adolf Hitler geplant haben, der später von sich behaupten sollte, vom „Allmächtigen” höchstpersönlich auserkoren zu sein, ausgerechnet das jüdische Volk zu vernichten. Jenes Volk, mit dem Gott über 13 Milliarden Jahre später im 2. Buch Mose seinen Bund schließen würde. Kann ein liebender Gott für sein auserwähltes Volk ein solch grausames, unabwendbares Schicksal vorherbestimmt haben?

4.
Auch Adolf Hitler glaubte an die Vorsehung. In seiner luxuriösen Zuchthauszelle von Landsberg diktiert er seinem Sekretär und späteren Stellvertreter Rudolf Hess: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: In dem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.”
Dieser Irrsinn erscheint im Juli 1925 in seinem Buch Mein Kampf – Eine Abrechnung im Verlag Eher der NSDAP. Die Veröffentlichung wird durch die großzügige finanzielle Unterstützung reicher Parteigenossen möglich. Bis zum Jahr 1933, als Hitler zum Reichskanzler gewählt wird, werden mehr als 287.000 Exemplare des Buchs verkauft. Aus heutiger Sicht ein Bestseller. Im Jahre 1943 ist im Impressum des Buchs die Zahl von 10.240.000 Exemplaren vermerkt. Doch anscheinend hatten nur wenige Deutsche das Buch gelesen. Wenn doch, so hatte die deutsche Bevölkerung Hitlers Pläne bis zum 9. November 1938, der Reichspogromnacht, nicht ernst genommen.

Einstein jedenfalls beschließt, keinen Augenblick mehr zu zögern. Er hat Hitlers mörderisches Spiel durchschaut. Einstein gibt seinen deutschen Pass ab und tritt von allen Ämtern an der preußischen Akademie der Wissenschaften zurück. Im Dezember 1932 besteigt er in Antwerpen ein Schiff nach Los Angeles, um eine Vortragsreise anzutreten. Er sollte nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen. „Ich kann die Passivität nicht verstehen, mit der die ganze zivilisierte Welt auf diese moderne Barbarei reagiert. Sieht die Welt nicht, dass Hitler den Krieg zum Ziel hat?”, sagt Einstein im Oktober 1933.
Niemand in Deutschland muss zu diesem Zeitpunkt so genial sein wie Albert Einstein, um zu erkennen, dass Adolf Hitler, wie er es in seinem Buch Mein Kampf angekündigt hatte, die Juden auf diesem Planeten auszurotten gedenkt.

5.

Und das, was Hitler für den „Allmächtigen” hält, scheint ihm wohlgesonnen zu sein. Denn Hitlers Machtergreifung gelingt erstaunlich reibungslos: General
Paul von Hindenburg ernennt Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.
Am 27. Februar 1933 brennt der Reichstag. Hitler nutzt die Gunst der Stunde, um diesen wahrscheinlich von der SA inszenierten Anschlag den Kommunisten anzulasten, die er mit seiner „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat” massenweise verhaften und deportieren lässt. Am 23. März 1933 verabschiedet der Reichstag das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich”, das „Ermächtigungsgesetz”. Am 2. August 1934 vereint Hitler das Präsidentenamt mit dem Amt des Reichskanzlers und lässt die Streitkräfte auf seinen Oberbefehl vereidigen – somit kann Hitler ohne das Parlament regieren, neue Gesetze und „Führerbefehle” erlassen, die seine Macht unangreifbar machen.

Seit seinem ersten gewaltsamen Putschversuch am 9. November 1923 und dem Marsch auf Berlin, sind nur knapp zehn Jahre vergangen. Hitler hat auf „legalem” Wege die exekutive Macht und die totale Kontrolle über das deutsche Volk an sich gerissen. Im Ausland reagiert man nicht gerade mit Panik, als am 10. Mai 1933 die Werke von jüdischen und oppositionellen Intellektuellen in Berlin öffentlich verbrannt werden. Man beobachtet die Vorgänge zwar mit Argwohn, sieht aber keinen Grund zu handeln. Die Sozialdemokraten werden verboten und verfolgt, die Gewerkschaften aufgelöst, Presse und Rundfunk durch das Reichspropagandaministerium von Joseph Goebbels gleichgeschaltet. Die Verbreitung des Volksempfängers ermöglicht dem NS-Regime den Deutschen per Rundfunk den Judenhass einzutrichtern: Der „Führer” erlässt am 15. September 1935 die Nürnberger Rassengesetze, denen zufolge Juden nur noch „Untermenschen” sind. Diese fatale Entwicklung gipfelt vorläufig am
9. November 1938 in der Reichspogromnacht. In ganz Deutschland werden mehr als 90 Juden getötet, Hunderte von Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte geplündert und zertrümmert. 20.000 Juden werden danach in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen deportiert.



Ungarische Juden werden in Auschwitz-Birkenau
unmittelbar nach ihrer Ankunft für die Gaskammer
ausselektiert. © Public Domain
Am 1. September 1939 überfällt Nazi-Deutschland Polen und beginnt somit den Zweiten Weltkrieg. Hitlers Feldzug gegen die Juden in Osteuropa hat begonnen. England und Frankreich erklären Deutschland den Krieg. Am 22. Juni 1941 lässt Hitler Russland ohne Vorwarnung überfallen und „kündigt” somit den Nichtangriffspakt mit Stalin. Heinrich Himmlers Einsatzgruppen der SS richten in Osteuropa Massaker an Millionen Menschen an. Es kommt zu Exzessen barbarischster Gewalt, die jegliches menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Als Einstein von der Judenvernichtung erfährt, sagt er 1944 in seinem Nachruf auf die Helden des Warschauer Ghettos: „Die Deutschen als ganzes Volk sind für diese Massenmorde verantwortlich und müssen als Volk dafür gestraft werden ... Hinter der Nazipartei steht das deutsche Volk, das Hitler gewählt hat, nachdem er ihm seine schändlichen Absichten in nicht misszuverstehender Form in seinem Buche und seinen Reden allgemein bekanntgemacht hatte.”

Am 20. Januar 1942 diskutieren fünfzehn Männer in einer Villa am Ufer des Berliner Wannsees die Zukunft der europäischen Juden – zu einem Zeitpunkt als der Genozid bereits in vollem Gange ist und die Deutsche Reichsbahn Hunderttausende Juden über die Schienenwege nach Auschwitz und in andere Todeslager transportiert. Im Protokoll der Wannseekonferenz heißt diese Endlösung offiziell noch „Verlagerung der Juden nach dem Osten”. Inoffiziell handelt es sich dabei um die industrialisierte Vernichtung eines ganzen Volkes. Allein im Monat August des Jahres 1943 werden 400.000 ungarische Juden in Auschwitz vergast. Tausende Kleinkinder werden bei lebendigem Leib in die brennenden Öfen geworfen, um Gas zu sparen. Von 1938 bis 1945 werden mehr als sechs Millionen Juden ermordet, allein 1,1 Millionen in Auschwitz-Birkenau. Der Holocaust, die Hölle auf Erden.

6.

Wir kehren nach diesem historischen Exkurs zu unserer Ausgangsfrage zurück. Offensichtlich gibt es keine Spur eines göttlichen Eingreifens in der Zeit von 1933 bis 1945. Dabei wäre es für Gott unproblematisch gewesen, die Geschichte der Menschheit auch unauffällig zu beeinflussen, so dass ein Holocaust niemals stattgefunden hätte. Noch frustrierender wird es, wenn wir uns die versäumten Chancen Gottes ansehen:

 Ein Gott der Geschichte hätte verhindern können, dass Hitlers Mutter Klara Pölzl ihren Ehemann, den Zollbeamten Alois Hiedler, kennenlernt. Adolf Hitler wäre nie am 20. April 1889 im österreichischen Braunau am Inn als viertes von sechs Kindern geboren. Nur Adolf Hitler und seine Schwester Paula überlebten das Kindesalter, die übrigen Geschwister starben sehr früh. Es hätte auch Hitler treffen können.



Hitler war ein durchschnittlicher bis schlechter, aber vor allem fauler Schüler.
Er träumte nach seiner erfolglosen Schulkarriere von einer Existenz als Kunstmaler, doch die Wiener Kunstakademie lehnte ihn mehrfach ab. In Mein Kampf berichtet Hitler später über diese Zeit der Ablehnung und sozialen Isolation: „... und was damals mir als Härte des Schicksals erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung.” Hier hätte Gott die Geschichte so manipulieren können, dass Hitler an der Kunstakademie angenommen wird. Die Welt hätte ihre Ruhe gehabt.

Die nächste Gelegenheit wäre gewesen, den „Führer” in den Selbstmord zu treiben, denn mit achtzehn Jahren verliebt sich Hitler im Linzer Vorort Urfahr unglücklich in die junge Stefanie Jansten, die sich nicht für ihn interessiert. Gegenüber seinem Freund, dem Pianisten August Kubizek, gesteht Hitler ein, dass er sich von einer Linzer Brücke in die Fluten der Donau zu stürzen gedenke. Hitler: „Ich halte es nicht mehr aus. Ich will Schluss machen!”
Er hat bereits einen detaillierten Selbstmordplan ausgearbeitet. Es soll jedoch anders kommen, denn als der erste Weltkrieg ausbricht, sagt Hitler irgendetwas, dass er „zu Höherem” berufen sei.

Hitler als Rekrut im 1. Weltkrieg
© Public Domain
Hitler meldet sich am 16. August 1914 freiwillig zur Armee und kommt in das 6. Rekruten-Ersatz-Bataillon des 2. bayerischen Infanterie-Regiments Nr. 16. Das Glück, das ihm hier wiederfährt, ist unheimlich. Am 28. Oktober 1914 entkommt Hitler um Haaresbreite dem Kugelhagel in den umkämpften Schützengräben bei Ypern, Belgien.
In einem Brief schreibt Hitler: „Mir reißt ein Schuss den ganzen rechten Rockärmel herunter. Aber wie durch ein Wunder bleibe ich gesund und heil ...”
Diese „Wunder” wiederholen sich. Mitte November 1914 entkommt Hitler einem verheerenden Granateneinschlag, der drei seiner Kameraden tötet, nachdem er ein Zelt verlassen hat, in dem eine Besprechung über die Verleihung von Tapferkeitsorden stattfinden soll. Am 25. September 1915 soll der Meldegänger Hitler die Gefechtstände über einen bevorstehenden Großangriff der Engländer informieren und entkommt britischem Dauerfeuer.

Zu einer anderen Gelegenheit befällt Hitler plötzlich ein merkwürdiges Gefühl. Dem Zeitungskorrespondenten Ward Price schildert Hitler später einen historisch verbürgten Vorfall: „Ich war mit mehreren Kameraden beim Mittagessen in unserem Graben. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob eine innere Stimme mir sagte: >Los, steh auf und verschwinde hier.< Ich glaube das so klar und nachdrücklich zu hören, dass ich mechanisch gehorchte, als wenn es ein militärischer Befehl gewesen wäre. Ich stand auf und ging im Graben zwanzig Meter weit weg; mein Mittagessen im Kochgeschirr nahm ich mit. Dann setzte ich mich hin und war beruhigt. Ich hatte kaum wieder angefangen zu essen, als aus dem Teil des Grabens, den ich eben verlassen hatte, eine ohrenbetäubende Detonation zu hören war. Eine verirrte Granate war genau dort eingeschlagen, wo ich mit den anderen Kameraden gegessen hatte. Sie waren alle tot.”

Auf Hitler wurden zweiundvierzig Attentate verübt. Manche dieser Mordversuche sind so sorgfältig geplant gewesen, dass sie eigentlich nicht misslingen konnten. So auch am 8. November 1939, als eine 20-Kilo-Bombe, versteckt in einer Säule hinter dem Rednerpult im Münchener Bürgerbräukeller, explodiert, acht Menschen tötet und dreiundsechzig verletzt. Der Attentäter, der Schreiner Georg Elser, wird noch am gleichen Abend während seines Fluchtversuchs in die Schweiz von der Grenzpolizei in Konstanz verhaftet. Hitler hatte 13 Minuten zu früh das Rednerpult verlassen, weil eine schlechte Wetterprognose ihn dazu bewogen hatte, statt mit dem Flugzeug mit dem Zug zurück nach Berlin zu fahren. Er kommt mit dem Schrecken davon. „Dass ich den Bürgerbräu früher als sonst verlassen habe, ist mir eine Bestätigung, dass die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will!”, deutet der „Führer” die glückliche Fügung wenige Stunden später.



Höhepunkt der Attentatsversuche ist der gescheiterte Versuch der Verschwörergruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 in der ostpreußischen Wolfsschanze. Eine Aktentasche mit einer Bombe ist so ungeschickt unter dem Kartentisch positioniert, dass die Wucht der Explosion gedämpft wird und Hitler nur mit einigen Schrammen davonkommt. Mal ist Hitler zu sehr durch die SS abgeschirmt, mal zündet eine Bombe in einem Flugzeug nicht, mal verlässt Hitler aus unerfindlichen Gründen einen bestimmten Raum, in dem sich ein Attentäter mit ihm zusammen in die Luft sprengen will. Hitler scheint den sechsten Sinn gehabt zu haben – er konnte den Tod wohl wittern wie eine Hyäne das Aas.


7.
Keine Spur von einem göttlichen Eingreifen. Dabei hätte Gott, wie gerade gesehen, genug Gelegenheiten gehabt, Hitler vom Erdboden zu tilgen oder ihm gar nicht erst eine Existenz auf diesem Planeten zu ermöglichen. Um ganz sicherzugehen, dass niemals ein Adolf Hitler geboren wird, dessen Absicht es ist, irgendwann das jüdische Volk zu vernichten, hätte Gott die Geschichte der Menschheit so vorsehen können, dass sie stets anders verlaufen wäre.
Ein Gott der Geschichte hätte die Entstehung des Lebens auf der Erde oder gar die Entstehung des Universums verhindern können – denn er selbst wäre in seinem Schöpfungswillen frei. Doch das Universum existiert und in ihm eine Menschheit, deren Geschichte seit Jahrmillionen von Töten und Getötetwerden geprägt ist. War es also Gottes Wille, dass Hitler stets um Haaresbreite überlebte, um den Holocaust durchzuführen? Krasser: Ließ Gott sechs Millionen Juden in den Vernichtungslagern ermorden?

Eine absurde, wahnwitzige und gefährliche Vorstellung! Die Logik gebietet stattdessen eine rationale, aber erschreckende Denkweise: Gott verhindert das Leid auf der Erde nicht. Gott greift nicht in die Geschichte ein, weil er kein Gott der Geschichte ist. Kein Ereignis im Universum ist vorherbestimmt. Hitler war nicht durch den Allmächtigen auserwählt, das jüdische Volk zu vernichten und die Menschheit tanzt nicht nach einer geheimnisvollen Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in der Ferne des Weltalls anstimmt, wie Einstein glaubte. Der Zufall und der freie Wille des Menschen regieren die Welt. Adolf Hitler hatte pures Glück, mit dem Leben davongekommen zu sein.

 Sechs Millionen Juden hatten dieses Glück nicht.

Aktuellsten historischen Forschungen zufolge hatte Hitler die Vernichtung von über 500.000 aus Deutschland nach Palästina geflohenen Juden durch ein Einsatzkommando unter Erwin Rommel beabsichtigt. Doch die schwere Niederlage Rommels in Ägypten gegen die von Feldmarschall Montgomery befehligten britischen Truppen vereitelte Hitlers Plan, die Judenvernichtung im Nahen Osten fortzusetzen. Es war nicht Gott, der die Ausweitung des Holocaust nach Palästina verhinderte, sondern Hitler selbst, der Gott die Arbeit abnahm, in dem er Russland angriff und damit die Wehrmacht entscheidend schwächte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Nazi-Deutschland kapitulierte und besiegt war. Das Prinzip von "Ursache" und "Wirkung" regiert also das Universum und nicht göttliche Interventionen.

Der Horror der Geschichte ist stets das Resultat der Aktivitäten von Menschen und nicht eines Gottes. Nach Sichtung der Fakten drängt sich die schmerzhafte Schlussfolgerung auf, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass der biblische Gott Mose erschienen ist, und es ist ebenso unwahrscheinlich, dass Gott mit dem jüdischen Volk in einem Bundesverhältnis steht. Gott wäre demnach nur ein allzu menschlicher Schutzmechanismus, um spirituell über die monströseste Konstante des Universums hinwegzukommen, die aus dem gnadenlosen kosmologischen Zeitpfeil aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft resultiert: den Tod. Gott war mithin nicht da, als der Holocaust geschah, als sein Volk seine Hilfe am dringendsten benötigt hätte. Er war nicht da, weil er nicht in die Geschichte eingreift. Oder weil Gott einfach nicht existiert.

Der Mensch muss das Grauen, das er verursachen könnte, erkennen und selbst verhindern – nicht Gott. So gelangt der renommierte US-Historiker Robert Katz zu der ernüchternden Schlussfolgerung, dass ein öffentlicher vatikanischer Protest durch Papst Pius XII. gegen die Judenvernichtung die Weltöffentlichkeit wachgerüttelt und die Alliierten bereits 1942 zu frühzeitigem Handeln gezwungen hätte. Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill hätten dem Druck der Öffentlichkeit nicht standhalten können und trotz hoher Verluste unter den KZ-Häftlingen eine Bombardierung der Schienenwege und der Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Sobibór, Treblinka und Majdanek befohlen.

Der öffentliche Aufschrei der Empörung hätte Hitler gezwungen, die auf Hochtouren laufende Mordmaschinerie des Holocausts für unbestimmte Zeit auszusetzen. Hitler hätte es nicht gewagt, Pius XII. zu entführen oder gar zu ermorden, denn er hätte dadurch seinerzeit weltweit über 500 Millionen Katholiken gegen sich aufgebracht. Auch wäre im Falle eines päpstlichen Protestes der Widerstand innerhalb der Wehrmacht und in den Reihen der Generäle um Hitler gestiegen. Pläne für eine Absetzung oder Ermordung des „Führers” wären wahrscheinlich geglückt. Somit wäre der Krieg viel früher beendet gewesen und die Weltgeschichte heute eine andere. Historiker Katz: „Am Ende müsste man zwar auch so von einem Holocaust sprechen, aber die „Endlösung” wäre zum Scheitern verurteilt gewesen. Wir kommen wahrscheinlich der Wahrheit sehr nahe, wenn wir annehmen, dass von den 6 Millionen jüdischen und von den 5 Millionen nichtjüdischen Opfern, die zusammen mit den Juden umkamen, [...], bis zu 90 Prozent hätten gerettet werden können.”

Wir müssen daher umdenken: In einer Zeit wachsenden religiösen Fanatismus und explosivem Fundamentalismus in den drei monotheistischen Weltreligionen ist Eile geboten für ketzerische Gedanken, für eine neue Interpretation der heiligen Schriften, ja, der Gottesfrage. Wir müssen nun fragen, ob der biblische Gott nicht doch nur eine Erfindung des Menschen ist. Die politische wie religiöse Forderung aus diesem Paradigmenwechsel ist ebenso dramatisch: die monotheistischen Weltreligionen müssen umdenken, bevor ein letzter Holocaust den Nahen Osten, vor allem Israel und das jüdische Volk vernichtet – und dadurch ein dritter Weltkrieg entsteht, der unsere Spezies endgültig vom Erdboden fegt.

Angesichts der unvorstellbaren Steigerung in der Menschheitskatastrophe des Holocaust sollten wir nicht fragen, ob wir noch an Gott glauben können. Nein, wir sollten uns fragen, ob Gott, wenn er überhaupt jemals existierte, noch an uns glauben kann. Gott ist vielleicht der schöpferische Urgrund des Universums – endgültige Gewissheit darüber werden wir wohl nie haben. Wir haben allen Grund zu denken und zu handeln, als ob wir glaubten, der Mensch sei ein Gottesgeschöpf, dessen Macht ihn durch den Tod tragen kann (auch wenn es vielleicht nicht der Fall ist). Nur eine Erkenntnis könnte uns in die Lage versetzen, unsere drohende Selbstvernichtung zu verhindern:

Der biblische Gott ist nur ein Konstrukt der
menschlichen Angst, um unser Wissen über den sicheren Tod irgendwann in der Zukunft zu bewältigen.

© Daniel Gerritzen

Freitag, 5. September 2014

Kurzgeschichte: Der Tod einer Termite

Ein Gefühl der Selbstzufriedenheit durchflutet Nick Yates, als er den Rücken des Ayers Rock nach Stunden des mühseligen Aufstiegs erobert. Am liebsten würde er eine Flagge mit dem Logo seiner Firma in den roten Felsen rammen. 
Was für ein netter Standort für eine neue Software-Schmiede!
Eine blutrote Sonne haucht ihre letzte Wärme über die Wüste. Ein verglühendes Stück Kohle. Yates’ Füße und Kniegelenke schmerzen wie nach einem Marathonlauf. Er seufzt. Vergessen sind die abstürzenden Börsenkurse, der beginnende Krieg im Nahen Osten, die Milliardenverluste durch die Wirtschaftkrise, seine Eheschlacht, seine Diabetes.

Ayers Rock, Australien © Public Domain
Yates nimmt den Buschhut ab, wischt sich mit dem linken Ärmel den Schweiß von der Stirn und lässt sich auf den staubigen Felsen nieder. Er verdrängt die Erinnerung an eine alte Frau hinter der Theke eines Ladens in Alice Springs, die ihn vor ein paar Stunden eindringlich davor gewarnt hat, dass die Besteigung des heiligen Berges der Aborigines Unglück bringen könnte. 
Stattdessen nimmt er einige kräftige Schlucke aus der Feldflasche, rülpst laut und genießt das Farbenspiel des verlöschenden Tageslichts.
Als er seine Blicke über den Monolithen schweifen lässt, bemerkt Yates den nasalen Gesang, den der trockene Wind des Outbacks zu ihm hinüberträgt. Er horcht erstaunt auf.
Ich bin nicht allein? Sind wohl noch andere Touristen unterwegs hier oben.
Etwa hundert Meter von ihm entfernt wiegt sich eine dunkle Silhouette im Rhythmus eines undefinierbaren Singsangs. Yates wird neugierig. Er erhebt sich und nähert sich dem Fremden. Er erkennt einen hageren, nackten Körper, der nur mit einem Lendenschurz bedeckt ist, aschgraues, drahtiges Haar, buschige Augenbrauen, eine fliehende Stirn, breite Nasenflügel, ein von Wind und Wetter zerfurchtes, weise anmutendes Gesicht.
Der erste Aboriginal, dem ich in Australien begegne.
Er pfeift schrill und ruft: »Hi!«
Als keine Reaktion erfolgt, wird Yates ungeduldig. »Hey, du! Was machst du da?«
Das Echo bricht sich in den Falten und Verwerfungen des Ayers Rock. Draußen in der Wüste antwortet ein Dingo mit einem markerschütternden Heulen.
Der Eingeborene hält inne und öffnet die Augen. Er stochert mit einem Ast in der Glut von verbranntem Holz. Das fahle Licht glimmt in seinen Augen. Ab und an knackt es und eine Flamme züngelt hervor. Yates beugt sich zu ihm herunter.
Grillen zirpen ihr unheimliches Dämmerungskonzert.
Einige Sekunden vergehen.
Ein rauhes Brummen. »Ich bete.«
Der Dialekt lässt Yates darauf schließen, dass der Mann einmal längere Zeit in einer größeren Stadt, wahrscheinlich Sydney oder Melbourne, zugebracht hat.
Yates erlaubt sich, neben ihn zu setzen. »Was soll der Bullshit? Hast du deinen Job verloren?«
Er kramt einen Joint aus seiner Hemdtasche und entzündet ihn mit einem silbernen Zippo. Wieder entsteht eine längere Pause.
»Ich bete für die Termite, die ich vorhin auf dem Weg hierher getötet habe.«
Der Eingeborene schließt die Augen und wiegt sich stumm.
Absurd! Der Kerl muss verrückt sein.
Yates inhaliert tief und bläst den Rauch mehr oder weniger absichtlich in das Gesicht des Aboriginal. In Yates’ Kopf spukt plötzlich eine Melodie von The Doors.
Termite © Public Domain
This is the end...
Er fühlt sich an seine Collegezeit erinnert, als die Joints herumgereicht wurden und Sex mit jungen Dingern am College noch unverkrampft war. »Warum betest du für ein Insekt? Und was ist das für ein Lied, das du singst?«
Wahrscheinlich hast du nur zu tief in die Flasche gesehen, so wie all deine Landsleute, Kumpel.
»Es ist das Lied des Todes. Ich hätte den Weg der Termite nicht kreuzen dürfen. Als die Termite starb, hatte ich eine Vision. Meine Zeit ist gekommen. Die Traumzeit sprach zu mir...« 
Der Aboriginal schweigt.
»Was für eine Vision?« Der Joint tut seine Wirkung. Yates schüttelt kichernd den Kopf und nimmt einen weiteren Schluck aus der Feldflasche. Auch er würde bald eine Vision haben, denn das Kraut findet er ganz ausgezeichnet.
This is the end...
»Sprach Johnny Walker zu dir?«
Der Alte bleibt freundlich. Er sagt: »Unzählige Male stieg ich Uluru, unseren heiligen Berg hinauf. Doch niemals zuvor begegnete ich hier einer Termite. Als ich beim Aufstieg den Weg der Termite kreuzte, trat ich sie tot – es war nicht meine Absicht.«
Der Aboriginal hält inne. Jetzt blickt er Yates in die Augen. Sein Blick verfinstert sich. Der reichste Mensch der Erde zuckt zusammen. 
Der Alte sagt: »Vierzigtausend Jahre bevölkerten wir Aborigines den Boden Australiens. Unzählige Male sind Eure Schiffe an unserem Kontinent vorübergesegelt. Aber schließlich habt Ihr uns entdeckt. Als Eure Schiffe vor dreihundert Jahren unsere Ufer erreichten, habt Ihr uns und unsere Kultur getötet. Der Kontakt zu Eurer Zivilisation raubte uns den Sinn unserer Existenz. Ihr gabt uns den Suff, ihr stahlt unsere Träume. So wie ich irgendwann einmal dieser Termite begegnen würde, mussten auch die britischen Invasoren eines Tages die Küsten Australiens sichten. Es war nur eine Frage der Zeit. Als die Termite starb, sah ich etwas. Etwas Schreckliches...«
Er macht mir Angst! Scheiße! Der alte Trottel macht mir wirklich Angst!
»Was sahst du? Rede schon!«, mault Yates.
»Ich sah, wie auch Eure Kultur, Eure Zivilisation starb. Du hast recht. Du hast nicht mehr viel Zeit. Ihr alle habt nicht mehr viel Zeit. Ihr, die uns Aborigines oder die Indianer Nordamerikas ausgerottet habt, werdet bald ebenso Eure Träume und den Sinn Eurer Existenz verlieren.«
Nick Yates war jetzt tief beunruhigt über die Worte des Eingeborenen – er schrieb diese Fassungslosigkeit keineswegs der Wirkung des Joints zu. »Warum... warum soll unsere Zivilisation sterben? Wird es einen Weltkrieg geben?«
Verdammt! Warum frage ich ihn das? Warum habe ich plötzlich nur solche Angst vor ihm?
»Mit einem Weltkrieg würdet ihr noch glimpflich davonkommen.« 
Er lächelt nicht. „Schau – dort oben!«. Der Aboriginal deutet zum Himmel hinauf. Inzwischen ist die Nacht völlig hereingebrochen und Abertausende Sterne funkeln mit hypnotisierendem Glanz auf die Wüste hinab.
»Dort draußen gibt es so viele Welten wie Sandkörner auf der Erde und Geschöpfe, die unendlich weiser sind als Ihr. Eure Zivilisation wird sterben. Die Überlegenheit dieser Kreaturen jenseits der Erde wird Eure Träume stehlen – so wie Ihr uns unsere Visionen von einer friedlichen Zukunft geraubt habt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mit Euch Kontakt aufnehmen. Und wenn Ihr nicht nach ihnen sucht, werden sie Euch entdecken. Es ist jetzt Zeit für mich zu gehen, Zeit, diese Welt zu verlassen.«
Er brummt wieder diese merkwürdig unharmonische Melodie, das Todeslied, vor sich hin. Yates schluckt erschüttert. Er erschauert und drückt den Joint auf dem Fels aus. 
Yates übermannen die Gefühle. Er kämpft mit den Tränen.
»Vergib mir meine Arroganz.« 
Ab und an wagt der reichste Mann der Erde einen verstohlenen Blick zu den Sternen hinauf. Als in der Ferne das Knattern des Hubschraubers erklingt, holt er mit zitternden Fingern sein Mobiltelefon aus dem Rucksack hervor und bittet den Piloten um eine weitere Stunde. 
Denn eine Angst von ungekannter Stärke packt Nick Yates. Er beginnt zu beten und wiegt sich im Rhythmus des Todesliedes. 
Yates betet um Vergebung – für den Tod einer Termite.

© Daniel Gerritzen

Mittwoch, 3. September 2014

Die dunkle Nische

Ich sitze auf der Terrasse und blicke in den Sternenhimmel. Der Wald und die Hügel um das Haus blocken die ferne Lichtkuppel der Innenstadt ab. Es ist daher stockfinster. Die Tür zum Wohnzimmer habe ich zugezogen, um zu verhindern, dass Winkelspinnen ins Haus kommen. Bevor ich jeden Abend zu Bett gehe, prüfe ich meine Bettwäsche, um sicherzugehen, dass sich dort keine Winkelspinne versteckt und nicht nachts über mein Kopfkissen krabbelt. Winkelspinnen sind zwar nützlich und ungefährlich, aber meines Erachtens genauso hässlich wie ihre größeren achtbeinigen Vettern, die Wander- oder Vogelspinnen.
Winkelspinne © Public Domain
Ich gebe zu, dass ich, wie Stephen King, auch unter starker Spinnenangst leide. Je größer die Spinne, umso heftiger ist mein Ekel und mein Reflex, das Tier vom Erdboden zu tilgen.

 Aber es reicht nicht, nur die Bettwäsche nach Spinnen zu durchsuchen. Denn normalerweise verstecken sich die Winkelspinnen sehr gerne in dunklen Nischen. Also prüfe ich nicht nur die Bettwäsche vor dem Schlafengehen, sondern auch alle dunklen Nischen in meinem Schlafzimmer und sogar in der ganzen Wohnung. Das dauert ungefähr eine Viertelstunde. Aber auch wenn ich glaube, dass da keine Spinne ist, kann es passieren, dass ich manchmal auf der Schwelle zum Schlaf ein kaltes Kribbeln auf meinen Wangen oder meiner Stirn spüre. Ich habe keinen Einfluss darauf, was mir während des Schlafs passieren könnte. Spinnen existieren meistens mit uns, ohne, dass wir davon etwas erfahren.

Während ich mit dem Feldstecher in das Sternengewimmel der Milchstraße starre, offenbart sich mir ein bemerkenswerter Zusammenhang zwischen meiner Spinnenangst und der Furcht vor der Dunkelheit, der sogenannten Lygophobie. Meine Erfahrung mit den kleinen Achtbeinern hier in diesem Waldgebiet umfasst die gemeinsame Nachtruhe mit Spinnen in einem dunklen Schlafzimmer. Wenn ich den Feldstecher aus dem Zentrum der Milchstraße wegbewege, stelle ich fest, dass dort draußen viel dunkler Raum ist. Tatsächlich ist der Weltraum abseits der Milchstraße ein schwarzer bodenloser Abgrund.

Blick auf das Zentrum der Milchstraße © Public Domain
Unsere Milchstraße (Grie.: Galaxis) besteht aus 200–400 Milliarden Sonnen. Die nächste Sonne ist Proxima Centauri in 4,3 Lichtjahren Entfernung. Die nächste große Galaxis ist der Andromeda-Nebel M31. Mit über 500 Milliarden Sonnen ist M32 größer als die Milchstraße und ca. 2,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht innerhalb eines Jahres zurücklegt: ca. 9,46 Billionen Kilometer. Multiplizieren wir 9,46 Billionen mit 2,3 Millionen, bekommen wir eine Ahnung davon, wieviele dunkle Kilometer zwischen den Sternen, geschweige denn Galaxien, liegen können. Dabei ist die Andromeda-Galaxis vergleichsweise nahe. Den Entfernungsrekord hält die Galaxis „IOK-1” mit 12,95 Milliarden Lichtjahren. Das Universum an sich ist etwa 13,7 Milliarden Lichtjahre alt. Das beobachtbare Weltall ist aber aufgrund der ständig schneller werdenden Ausdehnungsgeschwindigkeit etwa 93 Milliarden Lichtjahre groß.

Unser Sonnensystem befindet sich in einem der Außenarme der Milchstraße. Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst, dass wir auf einer winzigen Insel inmitten eines dunklen kosmischen Ozeans existieren. Es ist in etwa so, als ob ein Schiffbrüchiger, der sich an einem Stück Treibholz festhält, nicht weiß, dass er sich über dem 11 Kilometer tiefen Marianengraben befindet. Ja, wir sind in der Tat Schiffbrüchige, aber um uns herum gähnt ein Abgrund von 93 Milliarden Lichtjahren.

Es ist also menschlich, die lauernde Dunkelheit des Kosmos zu verdrängen.

 Zu den wenigen Menschen, die diese Dunkelheit des Universums schätzen, zählen Astronomen und Romantiker, wie ich, die nachts auf der Terrasse sitzen und vom Sternegucken Nackenschmerzen bekommen. Die eindrücklichste Vorstellung bekommen jedoch Astronauten bei einem Weltraumspaziergang. Es gibt kein „oben”, kein „unten”, kein „rechts”, kein „links”. Die Erde kann über oder unter einem Astronauten sein. Wenn der Astronaut in der Dunkelheit des Weltraums schwebt, darf er nicht daran denken, dass „unter” ihm nichts ist. Er befindet sich ohnehin ständig im freien Fall. Er fällt ins Bodenlose. Sehr eindrucksvoll zeigte das der Thriller Gravity mit Sandra Bullock aus dem Jahr 2013. Man benötigt als Astronaut eine starke Psyche, um die Ungeheuerlichkeit des dunklen Weltraums zu verarbeiten und nicht verrückt zu werden.



Der normale Bürger auf der Straße interessiert sich jedoch meistens nicht für den Weltraum. Er interessiert sich nicht für die Frage, ob wir allein sind in den Weiten des Alls. Das liegt erstens an der Tatsache, dass das Bedrohliche des Alls abstrakt und fern ist. Die unmittelbaren Erfahrungen des Menschen mit dem Weltraum umfassen lediglich Phänomene wie Meteore, Meteoriteneinschläge, Sonnenauf- und untergänge, Mondzyklen. Größere Katastrophen, wie etwa eine Supernova-Explosion des roten Riesensterns Beteigeuze in der unmittelbaren kosmischen Umgebung, ein Asteroiden- oder Kometeneinschlag oder ein Besuch von Außerirdischen, scheinen vorerst nicht in Sicht. Die Betonung liegt auf „scheinen”. Warum spreche ich von Bedrohung? Weil sich der Durchschnittsbürger meistens erst dann für Dinge außerhalb seines Interessenspektrums interessiert, wenn sie sein Leben bedrohen. Wenn er also Angst vor ihnen hat. Wenn das Universum uns in Form einer Invasion durch Außerirdische bedrohen würde, wäre das Interesse plötzlich sehr lebhaft.

Zweitens ängstigt die Dunkelheit des Universums viele Menschen. Deswegen verdrängen sie Fragen, wie: „Sind wir allein im Universum?” oder „Was wäre, wenn uns Außerirdische besuchen?” Die Verdrängung der Frage nach außerirdischem Leben ist ein Schutzmechanismus der menschlichen Psyche, um das maximale Fremde intellektuell zu bewältigen und von sich fernzuhalten. So wie ich die Spinnen – das unmittelbare maximale Fremde für mich – in der Finsternis des Schlafzimmers von mir fernhalten will. Das Meer der kosmischen Dunkelheit, durch das die Erde zusammen mit den anderen Planeten des Sonnensystems die Milchstraße umkreist, ist gleichbedeutend mit dem Unbekannten. Wenn also Leute sagen: „Es interessiert mich nicht, ob da draußen noch andere Lebewesen sind!”, dann ist das eine glatte Lüge.

Dieses vermeintliche Desinteresse ist eigentlich eine Verdrängung der Angst, dass da draußen etwas lauern könnte, wie Spinnen in dunklen Nischen, die mit uns existieren, ohne, dass wir davon etwas erfahren.

 Zum Beispiel Außerirdische in Gestalt von menschengroßen Vogelspinnen, die uns vielleicht technologisch und intellektuell weit überlegen sind. Denn die dunkelste Nische ist für uns Menschen das Universum über unseren Köpfen mit all seinen Geheimnissen – und potentiellen interstellaren Gefahren.
 

In der Ferne bellt ein Hund. Grillen zirpen ihre unverständlichen Gebete. Durch das Sternengewimmel der Milchstraße zieht schnurgerade ein Licht und schlägt dann unerwartet einen Haken. Offensichtlich kann es kein Satellit sein. Merkwürdig, denke ich.


Etwas krabbelt mein Schienbein hoch. Ich erstarre.

© Daniel Gerritzen


Freitag, 15. August 2014

Die Angst vor der inneren Dunkelheit

Mittwoch, 20. November 2013. Ein grauer, kalter Herbsttag. Stephen King ist in Hamburg. Zusammen mit einem Autorenkollegen fahre ich zum Kongresszentrum, wo King sein neues Buch Doctor Sleep, eine Fortsetzung von Shining, vorstellen wird. Schon während der Fahrt erstellen wir Top-10-Listen unserer liebsten Stephen-King-Romane. Und ich denke noch, wie sehr ich diesen Autor, manchen Roman von ihm und seine ehrliche und sympathische Art mag. In diesem Moment stelle ich mir die beängstigende Frage, wozu ein Fan fähig ist, der seinen Autor nicht nur mag, sondern abgöttisch liebt.

Ich spüre, dass meine Aufregung mit jedem zurückgelegten Meter wächst. Als erwachsenem Mann gehen mir solch pubertäre Fragen durch den Kopf, wie: Was ist, wenn King mich im Fotografengraben auf meine Kappe der Boston Red Sox anspricht? Werde ich dann zusammenbrechen vor Aufregung? Die Angst, dass ich in ein paar Stunden, um 20.00 Uhr im Kongresszentrum in Hamburg, den Moment meines Lebens verpassen könnte, nagt an meinem Verstand. Der Moment, in dem ich mit meiner Spiegelreflexkamera und dem Teleobjektiv das bestmögliche Portrait von Stephen King schießen kann. Und apropos „schießen”. Meine Gedanken über die Frage, wie sehr ein Fan sein Idol lieben kann, schweifen während der Fahrt plötzlich ab...

Erstausgabe Catcher in the rye
© Public Domain
Montag, 8. Dezember 1980. An diesem Tag wartet der fünfundzwanzigjährige Drucker Mark David Chapman vor dem Dakota Hotel in New York City auf John Lennon und dessen Frau Yoko Ono. Einen Tag zuvor hat er eine Paperbackausgabe von J.D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen gekauft. Er kennt das Buch, das die traurige Geschichte des Teenagers Holden Caulfield und dessen Odyssee durch den New Yorker Großstadt-Dschungel beschreibt, in- und auswendig. Chapman ist Holden Caulfield. „This is my statement – Holden Caulfield”, schreibt er in das Buch hinein, das die Polizei nach dem tödlichen Attentat auf Lennon finden wird. Mark David Chapman ist zu diesem Zeitpunkt anscheinend so desillusioniert und einsam, wie Holden Caulfield.

Diese persönliche Identifizierung ist die höchste und auch zweifelhafteste Ehre, die ein Autor von einem seiner Leser bekommen kann. Im Falle von Chapman verwischte die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit – so wie in Kings Roman Misery. Denn Chapmans Ziel war es, durch den Mord an John Lennon zu Holden Caulfield zu werden. (Fragen Sie mich nicht, was John Lennon mit Holden Caulfield zu schaffen hatte – die Logik versteht nur Chapman.) Durch Lennons Tod wollte er aber J.D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen unsterblich machen. Seines Erachtens hatte das Buch viel mehr Aufmerksamkeit verdient – und das, obwohl es sich zu diesem Zeitpunkt bereits viele Dutzend Millionen Mal verkauft hatte. Was Chapman ausfüllte, war die innere Dunkelheit, die gesellschaftliche Einsamkeit mancher Jugendlicher.

Doch: Ursprünglich wollte Chapman dem Autor Stephen King seine Ehrerbietung zuteil werden lassen. Denn Chapman bat Jahre vor dem Attentat auf John Lennon Stephen King darum, eine Ausgabe von Carrie zu signieren. Chapman verschonte Stephen King. Dafür streckte er John Lennon mit sechs Schüssen nieder.

Hamburg. Kongresszentrum. Ich lasse die Red-Sox-Kappe im Auto vor lauter Angst, dass Stephen King mich fragen könnte, wer mein Lieblingsspieler ist. Wir werden beim Einlass nicht auf Waffen kontrolliert. Diese Tatsache beunruhigt mich sehr. Mein Herz schlägt schmerzhaft schnell. Bei dem Gedanken, gleich meinem literarischen Vorbild zu begegnen, werden meine Knie weich. Meine Hände zittern. Mein Körper badet in Schweiß. Die Furcht, mit meiner Kamera nur verwackelte Bilder zustande zu bringen, lähmt beinahe meinen Verstand. Was ist, wenn ich durch meine Unfähigkeit keine würdige Erinnerung an dieses besondere Ereignis habe (denn ich bin mir bewusst, dass ich Stephen King in meinem Leben niemals persönlich wiedersehen werde). Wenn die Presseakkreditierung über Stephen Kings Verlag Randomhouse – der zufälligerweise auch mein Verlag ist – nur vergeblich war?

Ich blicke auf die Armbanduhr. Es ist kurz nach 20.00 Uhr. Ich stehe neben Dutzenden anderen Fotografen. Hinter uns sitzen mehrere tausend Menschen auf den Rängen. Einige Fotografen sehen mir verdächtig nach Attentätern aus. Vor allem der Typ von dieser großen Boulevard-Zeitung. Da! Tagesthemen-Sprecher Ingo Zamperoni kommt auf die Bühne. Er stellt Stephen King vor und gemahnt uns Fotografen daran, dass wir nur 2 Minuten haben. „Be quick or be dead!”, wie Bruce Dickinson von Iron Maiden singt.

Und dann betritt ER unter tosendem Applaus und Jubel der Fans die Bühne. Stephen King steht plötzlich vor mir. Leibhaftig. Etwa 1,50 Meter von mir entfernt. Ein älterer Mann im T-Shirt, Bluejeans, ergrauten schulterlangen Haaren, einem leichten Überbiss, vornüber gebeugt, aber dennoch groß. Auf seiner Nase eine Brille mit Gläsern so „dick wie Colaflaschenböden”. King strahlt in seiner Bescheidenheit eine erstaunliche Präsenz aus. Ich fotografiere, als ob es der letzte Moment meines Lebens ist.

„Mr.-Mr.-Mr. K-king!”, rufe ich.

Während Stephen King in meine Kamera lächelt, frage ich mich, was ich tun würde, falls ihn jetzt ein Irrer ermorden wollte. Der Attentäter könnte das jetzt tun. Er könnte ungehindert seine Waffe zücken.

Ich schieße, schieße, schieße. 100, 150, 200 Bilder.

Stephen King © Daniel Gerritzen
Was würde ich unternehmen, rast es durch mein Hirn? Ganz klar: Ich würde mich vor King werfen, um die Kugel abzufangen. Wenn ich überlebte, würde ich den Attentäter erschlagen – eigenhändig. Mit meiner Kamera. Sicher wäre mir Stephen King immer dankbar. Er würde mich vielleicht einladen zu sich nach Hause in Bangor, Maine. Vielleicht würden wir beste Freunde werden. Vielleicht würde er mir einen Roman widmen. Vielleicht würde er für mich einen Roman schreiben, so wie Paul Sheldon für Annie Wilkes in Misery...

Aber nichts passiert. Nur die Kameras schießen. Ingo Zamperoni verscheucht die Fotografen. Der Applaus legt sich. Die Show beginnt. Ich prüfe meine Fotos auf dem Display. Stephen King lächelt mich gestochen scharf bei perfektem Licht an. Ich bin glücklich über diesen schönen Moment.

Die Fotografie und mein Traum von meiner eigenen großen Karriere als Horrorautor reichen mir.

© Daniel Gerritzen