Ich spüre, dass meine Aufregung mit jedem zurückgelegten Meter wächst. Als erwachsenem Mann gehen mir solch pubertäre Fragen durch den Kopf, wie: Was ist, wenn King mich im Fotografengraben auf meine Kappe der Boston Red Sox anspricht? Werde ich dann zusammenbrechen vor Aufregung? Die Angst, dass ich in ein paar Stunden, um 20.00 Uhr im Kongresszentrum in Hamburg, den Moment meines Lebens verpassen könnte, nagt an meinem Verstand. Der Moment, in dem ich mit meiner Spiegelreflexkamera und dem Teleobjektiv das bestmögliche Portrait von Stephen King schießen kann. Und apropos „schießen”. Meine Gedanken über die Frage, wie sehr ein Fan sein Idol lieben kann, schweifen während der Fahrt plötzlich ab...
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Erstausgabe Catcher in the rye © Public Domain |
Diese persönliche Identifizierung ist die höchste und auch zweifelhafteste Ehre, die ein Autor von einem seiner Leser bekommen kann. Im Falle von Chapman verwischte die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit – so wie in Kings Roman Misery. Denn Chapmans Ziel war es, durch den Mord an John Lennon zu Holden Caulfield zu werden. (Fragen Sie mich nicht, was John Lennon mit Holden Caulfield zu schaffen hatte – die Logik versteht nur Chapman.) Durch Lennons Tod wollte er aber J.D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen unsterblich machen. Seines Erachtens hatte das Buch viel mehr Aufmerksamkeit verdient – und das, obwohl es sich zu diesem Zeitpunkt bereits viele Dutzend Millionen Mal verkauft hatte. Was Chapman ausfüllte, war die innere Dunkelheit, die gesellschaftliche Einsamkeit mancher Jugendlicher.
Doch: Ursprünglich wollte Chapman dem Autor Stephen King seine Ehrerbietung zuteil werden lassen. Denn Chapman bat Jahre vor dem Attentat auf John Lennon Stephen King darum, eine Ausgabe von Carrie zu signieren. Chapman verschonte Stephen King. Dafür streckte er John Lennon mit sechs Schüssen nieder.
Hamburg. Kongresszentrum. Ich lasse die Red-Sox-Kappe im Auto vor lauter Angst, dass Stephen King mich fragen könnte, wer mein Lieblingsspieler ist. Wir werden beim Einlass nicht auf Waffen kontrolliert. Diese Tatsache beunruhigt mich sehr. Mein Herz schlägt schmerzhaft schnell. Bei dem Gedanken, gleich meinem literarischen Vorbild zu begegnen, werden meine Knie weich. Meine Hände zittern. Mein Körper badet in Schweiß. Die Furcht, mit meiner Kamera nur verwackelte Bilder zustande zu bringen, lähmt beinahe meinen Verstand. Was ist, wenn ich durch meine Unfähigkeit keine würdige Erinnerung an dieses besondere Ereignis habe (denn ich bin mir bewusst, dass ich Stephen King in meinem Leben niemals persönlich wiedersehen werde). Wenn die Presseakkreditierung über Stephen Kings Verlag Randomhouse – der zufälligerweise auch mein Verlag ist – nur vergeblich war?
Ich blicke auf die Armbanduhr. Es ist kurz nach 20.00 Uhr. Ich stehe neben Dutzenden anderen Fotografen. Hinter uns sitzen mehrere tausend Menschen auf den Rängen. Einige Fotografen sehen mir verdächtig nach Attentätern aus. Vor allem der Typ von dieser großen Boulevard-Zeitung. Da! Tagesthemen-Sprecher Ingo Zamperoni kommt auf die Bühne. Er stellt Stephen King vor und gemahnt uns Fotografen daran, dass wir nur 2 Minuten haben. „Be quick or be dead!”, wie Bruce Dickinson von Iron Maiden singt.
Und dann betritt ER unter tosendem Applaus und Jubel der Fans die Bühne. Stephen King steht plötzlich vor mir. Leibhaftig. Etwa 1,50 Meter von mir entfernt. Ein älterer Mann im T-Shirt, Bluejeans, ergrauten schulterlangen Haaren, einem leichten Überbiss, vornüber gebeugt, aber dennoch groß. Auf seiner Nase eine Brille mit Gläsern so „dick wie Colaflaschenböden”. King strahlt in seiner Bescheidenheit eine erstaunliche Präsenz aus. Ich fotografiere, als ob es der letzte Moment meines Lebens ist.
„Mr.-Mr.-Mr. K-king!”, rufe ich.
Während Stephen King in meine Kamera lächelt, frage ich mich, was ich tun würde, falls ihn jetzt ein Irrer ermorden wollte. Der Attentäter könnte das jetzt tun. Er könnte ungehindert seine Waffe zücken.
Ich schieße, schieße, schieße. 100, 150, 200 Bilder.
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Stephen King © Daniel Gerritzen |
Die Fotografie und mein Traum von meiner eigenen großen Karriere als Horrorautor reichen mir.
© Daniel Gerritzen