Freitag, 8. August 2014

Über die Irrationalität von Flugangst

Etwas gilt dann als irrational, wenn es dem „gesunden Menschenverstand” widerspricht. Wenn also z.B. eine bestimmte Angst unbegründet ist. Bestes Beispiel: Flugangst. Stellen wir uns einen Geschäftsmann vor, der von Düsseldorf nach New York fliegen muss. Er erbricht sich vor dem Flug vor Aufregung. Alle möglichen Horrorvisionen rauschen durch seinen Verstand. Er weiß, er muss sechs Stunden eingequetscht in seinem Sitz ausharren. 
Die Maschine startet. Der Schub der Düsentriebwerke drückt ihn in den Sitz. Seine Fingerkuppen graben sich so stark in die Armlehnen, dass die manikürten Fingernägel abbrechen. Schweiß durchtränkt seine Kleidung. Sein Herz rast. Die Atmung ist flach. Er spürt einen starken Druck in der Blase. Der Drang, das Flugzeug sofort zu verlassen, wird immer heftiger, je höher die Maschine steigt.
(In 10.000 Metern über der Erde ist das jedoch schwierig ohne Fallschirm.) Der Körper des Fluggastes ist von nun an sechs Stunden lang in Alarmbereitschaft. 

Wenig später tigert er im Gang auf- und ab. Seine Sorge: ist der Pilot nüchtern oder angesichts des Flugstresses „voll wie eine Strandhaubitze” und nicht mehr Herr seiner Sinne?

Seit 1945 sind insgesamt 2739 Flugzeuge abgestürzt. Statistisch betrachtet bedeutet das 39,6 Flugzeugunglücke pro Jahr weltweit. 771 Flugzeugunglücke ereigneten sich im Zusammenhang mit Maschinen der USA. Deutschland ist mit 58 weit abgeschlagen. Verglichen damit starben allein im Jahr 2013 in Deutschland 3340 Menschen durch Verkehrsunfälle. 58 Flugzeuge sind lächerlich wenig im Vergleich zu 3340 Verkehrstoten in Deutschland pro Jahr. Rechnet man durchschnittlich 100 Passagiere pro Flugzeug, liegen wir bei 3960 Toten – weltweit. Teilen wir diese 3960 Toten auf die 25 Luftfahrt betreibenden Nationen auf, kommen wir auf 158 Tote pro Nation im Jahr. 158 Tote von 82 Millionen Deutschen sind 158 sehr bedauerliche Tote zu viel, fallen aber – verglichen mit 15.000 Grippetoten im Jahre 2013 – nicht so sehr ins Gewicht. Vorläufige Schlussfolgerung: Flugangst ist also vermeintlich unbegründet. Sie ist anscheinend irrational. Sie widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Wirklich?

Was aber ist die Ursache für die Flugangst vieler Menschen? Erstens wird der Mensch durch ein Flugzeug aus seiner vertrauten irdischen Situation der Erdverbundenheit herausgerissen. Fliegen ist nicht die übliche Fortbewegungsart für den „Läufer” Mensch. Zweitens liegt der Unterschied zwischen „Flugzeugtod” und „Grippetod” in der Prävention. Menschen haben es selbst in der Hand, sich jedes Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. Viele verzichten jedoch darauf, weil sie die Gefahr, sich mit dem Grippevirus anzustecken, unterschätzen. Ein Fluggast hat es jedoch nicht in der Hand, ein Flugzeug sicher zu starten, über viele tausend Kilometer sicher über den Atlantik und den Nordpol zu fliegen und anschließend sicher zu landen. Der Fluggast kann das Flugzeug vor dem Flug auch nicht akribisch genau auf den technisch einwandfreien Zustand überprüfen. Zu viele Faktoren sind außerhalb des Kontrollbereichs. Die Ursache für Flugangst ist daher Ausgeliefertsein. Der totale Kontrollverlust.

MH370 der Malaysian Airlines © Public Domain
Viele Menschen fühlen sich während eines Flugs den Launen der Piloten, der Anfälligkeit der Technik und dem Wetter ausgeliefert. So sind alkoholisierte Piloten keine Seltenheit. Von unzureichend gewarteten Maschinen ganz zu schweigen. Piloten können ein Blutgerinnsel im Gehirn haben, das während des Flugs platzt. Oder einen Herzinfarkt. Sie können vor dem Flug einen sehr belastenden Ehekrach mit anschließender Trennung hinter sich haben. Sie können durch diese Belastung absichtlich den Transponder ausschalten, so dass die Flugüberwachung nicht mehr in der Lage ist, das Flugzeug weiter zu verfolgen. Sie können dann weit auf den Ozean Richtung Antarktis hinausfliegen und in einer Art „Amokflug” die Maschine mit den Passagieren irgendwo ins Meer stürzen. Im Fall von Malaysian Airlines MH370 am 8. März 2014 oder Malaysian Airlines MH17 am 17. Juli 2014 waren die Passagiere den Piloten bzw. den äußeren Umständen gnadenlos ausgeliefert. MH370 stürzte wahrscheinlich durch eine böswillige Manipulation des Piloten ins Meer und MH17 wurde über der Ukraine abgeschossen. (Beide Flugzeuge waren Maschinen des Typs Boing 777-200.)

Wenn man Flugangst per se aufschlüsselt, ist z.B. die Sorge vor alkoholisierten Piloten sehr begründet, denn viele Piloten stehen unter enormem Stress, so dass sie häufig zur Flasche greifen. Darüber hinaus möchte niemand zu diesen „bedauerlichen Ausnahmen” eines Flugzeugabsturzes gehören, die durch menschliches Unvermögen verursacht werden. Menschen mit Flugangst müssen daher mit ihrer Furcht ernst genommen werden. Denn: Flugzeugabstürze sind meistens menschenerzeugte Ereignisse, wie im Falle von MH370 und MH17. Diese „Zufälle” sind nicht unwahrscheinlich – sie können sich auch erschreckend häufen. Keine Angst zu haben vor dem Fliegen schützt demnach nicht vor Flugzeugunfällen. Flugangst ist mitnichten „irrational”.

© Daniel Gerritzen

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