Donnerstag, 21. August 2014

Die stille Invasion der Giftspinnen

Stephen King äußert sich in Interviews häufig über seine Ängste. Der Meister des Horrors betrachtet Spinnen als die schrecklichsten, weil fremdartigsten Kreaturen auf diesem Planeten. Nichts würde ihn so sehr ängstigen, wie Spinnen. Dabei sollte nicht nur Stephen King beim Bananenkauf genauer hinsehen. Im April 2014 konnte die giftigste Spinne dieses Planeten, die Wanderspinne, in einem Oberhausener Discounter aus einer Bananenkiste entkommen. Der Supermarkt wurde abgesperrt, die Spinne mit Ködern gelockt, bis sie eingefangen werden konnte. Im Juni 2014 entdeckte eine Frau in Bochum eine Wanderspinne in einer Bananentüte. Ein mutiger Nachbar der Frau fing das Exemplar mit einem Marmeladenglas ein und übergab es der Polizei. Tatsächlich ereignen sich solche Vorfälle nicht selten.

Wanderspinne © Public Domain
Die grau-braunen, kurzbehaarten Wanderspinnen können einen Körperumfang von 5 cm bei einer Beinspannlänge von 15 cm erreichen und sind eigentlich in den Tropen Südamerikas beheimatet. Wanderspinnen heißen deshalb so, weil sie nachtaktive Jäger sind und nicht passiv in einem Netz auf ihre Opfer lauern. In Brasilien verstecken sie sich häufig in dunklen Häusernischen, in Kleiderschränken – oder eben Bananenstauden. Fühlen sich Wanderspinnen bedroht, reagieren sie sehr aggressiv. Ihr Biss kann schwere Vergiftungen auslösen, die dauerhafte Nervenschäden oder sogar den Tod zur Folge haben können. Für manchen Mann ist der Biss der Wanderspinne schlimmer als der Tod, denn das Gift führt bei den Betroffenen zu einer äußerst schmerzhaften Dauererektion (Priapismus). Die Penisschwellkörper erschlaffen dauerhaft, so dass eine lebenslange Impotenz die Folge ist.

Dabei ist die Angst vor Spinnen nur bei den wenigen Spezies gerechtfertigt, die dem Menschen durch ihren giftigen Biss gefährlich werden können. Beispiele sind etwa die oben erwähnte Wanderspinne oder die schwarze Witwe. Es muss jedoch etwas anderes sein, das viele Menschen panisch auf Stühle steigen und laut kreischen oder manch gestandenen Mann voller Abscheu zum Fernsehmagazin greifen lässt, um einer Spinne den Garaus zu machen. Ja, warum löst der Anblick einer behaarten Vogelspinne in einer Fernseh-Dokumentation bei manchem Spinnenphobiker die klassischen Angstsymptome wie Herzrasen, schockartig geweitete Pupillen oder Schweißausbrüche aus? Und das, obwohl die Spinne physisch nicht anwesend ist? Warum können manche Menschen nicht einschlafen, weil ein haariger, achtbeiniger Zeitgenosse dem tödlichen Schlag mit dem Taschenbuch entkommen konnte und sich nun irgendwo im Schlafzimmer versteckt?


Die Psychologie kennt keine einzige Erklärung dafür. Vielmehr sind es verschiedene Erklärungsansätze gleichzeitig, die diskutiert werden. Fangen wir mit der Erklärung an, die uns an Stephen Kings Aussage erinnert: Spinnen weichen sehr stark von unserem menschlichen Erscheinungsbild ab. Der Mensch hat zwei Beine, Spinnen acht. Die andersartige Physis lässt Spinnen für menschliche Augen sehr fremdartig erscheinen. Der Angstreflex nimmt proportional zur Größe und Behaarung der Spinne zu: Ein Weberknecht entlockt auch manchem Spinnenphobiker nur ein müdes Achselzucken, während die Sache schon anders aussieht bei einer großen Winkelspinne (ca. 6 cm Beinspannlänge), einer Tarantel (ca. 10 cm Beinspannlänge) oder gar einer Goliath-Vogelspinne (ca. 30 cm Beinspannlänge).


Eine zweite Erklärung ist die unberechenbare Bewegung und die plötzliche räumliche Nähe einer Spinne zu einem Menschen. Das Unerwartete gepaart mit dem Fremdartigen ist hierbei besonders beängstigend oder gar erschreckend. Die dritte Erklärung ist der anerzogene Ekel. Kinder entwickeln dann Angst vor Spinnen, wenn ihre Eltern dieses Angstmuster, das sie selbst durch ihre eigenen Eltern erfahren haben, unbewusst auf den Nachwuchs weitergeben. Eingeborene z.B. in den Urwäldern Indonesiens fürchten sich nicht vor Spinnen, wissen jedoch aus Erfahrung, wann eine Spinnenart gefährlich werden kann und meiden diese Spezies dann.


Plausibler ist jedoch folgende Erklärung: Wie ich in meinem Blogeintrag „Der Mensch ist die Angst” gezeigt habe, steckt in uns die genetische Angstinformation vieler traumatischer Erlebnisse der Menschheitsgeschichte. Zu diesen traumatischen Erlebnissen zählt die Ur-Begegnung eines prähistorischen Menschen in der afrikanischen Savanne oder im asiatischen Dschungel mit einer besonders großen Spinnenart. Spinnen waren vor Jahrmillionen größer, giftiger und gefährlicher. Das archetypische Ur-Ereignis eines Spinnenangriffs auf einen Hominiden erzeugte daher das Angstmuster: alles Fremdartige (acht behaarte Beine) und Unerwartete (plötzliches Auftauchen, schnelle Bewegungen) kann tödlich sein. Die Spinne repräsentiert den plötzlichen Tod. Dieses Muster übertrug sich bis in die heutige Zeit. Spinnen sind daher für Phobiker selbst dann erschreckend, auch wenn ihr Biss nicht gefährlich ist, wie etwa im Falle der Goliath-Vogelspinne.

Dieses Angstmuster wird weiter über die Generationen vererbt, unter anderem durch Funde von Wanderspinnen in Bananenkartons in Supermärkten – hierzulande, wie auch beispielsweise in den USA. Solche Vorfälle nähren „urbane Mythen”, die sich im zivilisatorischen Denken verankern. Denn das Fremdartige, Unerwartete aus dem fernen Südamerika taucht plötzlich in den gemäßigten Breiten Deutschlands oder Neuenglands auf. Es ist demnach nachvollziehbar, warum eine stille Invasion der gefährlichen Wanderspinnen über importierte Bananenstauden dafür sorgt, dass der Mythos der tödlichen Spinne weiter im Unterbewusstsein der Menschen lauert. Stephen Kings Angst vor Spinnen ist daher nichts weiter als ein archaischer Schutzmechanismus. Er ist letztendlich menschlich. Und wichtig.


© Daniel Gerritzen

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